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Alenas Weg

Exposé:

Alena Bruck ist eine junge Frau des ausgehenden 18. Jahrhunderts, durch einen Unfall gehbehindert. Zusammen mit ihren persönlichen Vorlieben im Bereich der Malerei und ihrem unabhängigen Geist hat das dazu geführt, dass sie sich keine Versprechungen von einer Eheschließung macht und stattdessen ihr Leben selbst in die Hand nimmt – traditionellerweise für eine Frau mit ihrem Hintergrund in nur wenigen Bereichen möglich.

Ihr Ziel ist die berufsmäßige Malerei, und nachdem sie zuerst als Erzieherin zurückgezogen auf dem Land gelebt hat, zieht sie in die Hauptstadt zur Familie ihres Bruders. Als, wie sie es formuliert, "älteste Debütantin der Saison" wagt sie hier den Schritt in die gesellschaftliche Öffentlichkeit.

Sie trifft auf Professor Sewering, der nicht nur ein exzentrischer Gelehrter und Geschäftsmann ist, sondern auch der beste Freund ihres Bruders. Sewering stellt den Kontakt zu Auguste Morelle her, einem renommierten Kunsthändler. Morelle, selbst durch den Verlust mehrerer Finger körperlich behindert, erkennt ihre Begabung und ermöglicht ihr eine Teilnahme an einer Ausstellung. Die Beziehung zu ihm wird enger, und sie ist unsicher, wie weit sein Interesse wirklich geht.

Auch die Freundschaft zu Sewering hat sich gefestigt, bis sie sich fragen muss, ob sie für ihn nicht weit mehr empfindet, als es vorgesehen war. Diese Erkenntnis trifft sie schwer, denn sie sieht darin nur eine unnötige Komplikation ihres Daseins...

* * *

Leseprobe:

Währenddessen hatte Alena genug von den augenblicklichen Verwicklungen und ihrer eigenen Unsicherheit. Man konnte ihr Verhältnis zu Philipp mit Sicherheit nicht als geklärt betrachten – aber zumindest hatten sie wieder miteinander gesprochen. Alles Weitere musste sie wohl auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, und dafür würde sie einen klaren Kopf brauchen. Also erledigte sie jetzt besser gleich die Konfrontation mit ihrem ehemaligen Verlobten (so es denn eine geben sollte), damit sie dieses Thema dann als abgeschlossen betrachten konnte.

Die Gäste umringten das Büffet, und Alena nahm sich einen Teller und mischte sich unter sie. Tatsächlich unterhielt Hartwig sich ganz in der Nähe mit Morelle, beide hatten sie ebenfalls gefüllte Teller in der Hand.

„Ah, da sind Sie ja, ma Chère!“ Ihr Lehrer winkte ihr zu. „Kommen Sie, und leisten Sie uns ein wenig Gesellschaft!“

Sie setzte ihr souveränstes Lächeln auf und folgte seiner Aufforderung.

Monsieur Hartwig“, erklärte Morelle, „hat mir gerade von den neuen Fresken im Lombacher Dom erzählt. Ich dachte, das könnte Sie vielleicht interessieren, wo Sie sich doch gerade selbst mit großformatigen Bildern befassen.“

„Ja, Ihr Mentor hat bereits erwähnt, dass Sie seit Neuestem für das hiesige Opernhaus tätig sind“, bemerkte Hartwig dazu. „Sicher ein gewaltiges Projekt für eine relative Anfängerin.“

„Da stimme ich Ihnen zu, Herr Hartwig.“ Alena lächelte immer noch. „Aber ich würde sagen, man wächst an seinen Herausforderungen. Jedenfalls hoffe ich das.“

Morelle legte ihr die Hand auf den Arm. „Meine Liebe, daran habe ich überhaupt keinen Zweifel.“

„Falls Sie länger in Isselberg bleiben, sind Sie natürlich eingeladen, das Endergebnis selbst zu beurteilen. Ich hoffe, Ende des Monats mit der Arbeit fertig zu sein.“

„Oh, ich bin nur auf der Durchreise hier“, erwiderte Hartwig. „Also werde ich dieses Vergnügen wohl leider nicht haben.“ Die Miene des Malers war eine höfliche Maske, und es wollte Alena nicht gelingen, davon irgendetwas abzulesen. „Aber“, fügte er hinzu, „sicher finden sich doch auch im Haus von Herrn Morelle ein paar Ihrer Arbeiten, oder? Die würde ich mir gern einmal ansehen, wenn ich darf.“

„Aber ja!“ Morelle schien sehr angetan von der Möglichkeit, das Talent seines Schützlings vor dem berühmten Kollegen präsentieren zu können. „Sie müssen unbedingt das Bild sehen, dass sie mir heute geschenkt hat.“ Er deutete zu dem langen, schmalen Tisch, wo seine Geburtstagsgeschenke aufgebaut waren. „Und natürlich besitze ich noch ein paar mehr.“

Pardon, Monsieur?“ Maria Schumann war unvermittelt aufgetaucht, und Morelle wandte sich zu ihr um.

Mademoiselle! Kann ich etwas für Sie tun? - Alena, meine Liebe, wären Sie so gut, Herrn Hartwig die Bilder zu zeigen? Sie kennen sich hier ja aus.“

„Natürlich.“ Also gut. Sie war einem Vier-Augen-Gespräch mit diesem Mann durchaus gewachsen. Außerdem ging es ja nur um ein paar Bilder.

Alena nahm ihn also zuerst mit hinüber zum Geschenketisch, wo er pflichtschuldigst das kleine Portrait begutachtete, das sie von und für Morelle gemalt hatte. Wider Erwarten war sie tatsächlich gespannt auf seine Reaktion – denn immerhin, in diesem Punkt hatte Auguste Recht: Otto Hartwig war tatsächlich ein erfolgreicher und berühmter Künstler.

Darüber hinaus allerdings, wenn sie ihn so verstohlen beobachtete… war er ein Fremder für sie. Was auch immer sie damals für ihn zu fühlen geglaubt hatte, war heute nur noch eine vage Erinnerung. Es war nur gut, dass sie nicht geheiratet hatten!

Er murmelte etwas, das sie nicht verstand, dann bat er sie, ihm auch die übrigen Bilder zu zeigen. Also führte sie ihn in den angrenzenden Raum, der quasi Morelles Privatgalerie repräsentierte. Hier ging er eine Weile herum, besah sich alles und wandte sich dann ihr zu.

„Sie haben sich verändert seit damals“, stellte er fest und musterte sie forschend.

Alena erwiderte seinen Blick. „Tja, wir werden alle nicht jünger“, versetzte sie trocken.

Aber Hartwig schüttelte den Kopf. „Sie wissen, dass ich das nicht meine“, erwiderte er. „Was ich meine, ist Ihr Auftreten, Ihre ganze Art. Sogar Ihr Aussehen.“

„Hm. Darf ich das als Kompliment werten?“

„Das dürfen Sie durchaus. Und das erstreckt sich auch auf ihre Bilder. Sie sind... gut.“

Alena hob die Augenbrauen. „Und das aus Ihrem Mund! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das einmal von Ihnen zu hören bekommen würde.“

„Man kann seine Augen ja nicht ständig vor dem Offensichtlichen verschließen. Ja, Sie haben ein gewisses Talent für die Malerei. Und darüber hinaus Glück. Und die… richtige Protektion, ganz ohne Zweifel.“

Wie seltsam. Vorhin hatte sie noch geglaubt, seinen Worten etwas Versöhnliches entnehmen zu können. Doch diese letzte Bemerkung hatte er in einem derart merkwürdigen Tonfall gemacht, dass sie plötzlich nicht mehr sicher war, was sie davon halten sollte.

„Sie sehen also“, fuhr er inzwischen fort, „Sie haben mich gar nicht gebraucht. Meinen Einfluss, meine ich. Sie haben es weit gebracht, auch ohne meine Hilfe. Also war es wohl rückblickend die richtige Entscheidung, mich nicht zu heiraten. Oder wie sehen Sie das?“

Alena nahm sich gehörig zusammen, als sie ruhig erwiderte: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass meine Entscheidung damals etwas mit der Höhe Ihres Einflusses zu tun gehabt hat, oder?“

„Na - wohl eher damit, dass ich mich geweigert hatte, diesen Einfluss für Sie geltend zu machen. Da mussten Sie eben weitersuchen. Und offensichtlich haben Sie ja bekommen, was Sie wollten, und das sogar, ohne den Betreffenden gleich heiraten zu müssen.“

Sie konnte es nicht fassen! Wie er da alles verdrehte und umdeutete, unterstellte er ihr tatsächlich eiskalte Berechnung! Sie war dermaßen verblüfft, dass ihr zuerst keine passende Erwiderung einfiel.

„Sie wissen, dass das so nicht stimmt“, brachte sie schließlich heraus.

„Nein? Aber genauso ist es doch gewesen!“

„Nein. Dass Sie mir Ihre Unterstützung verweigert haben, war vielleicht der Auslöser, das gebe ich zu. Aber...“

„Aber?“

„Sie hatten mir einen Heiratsantrag gemacht. Aus Zuneigung, wie ich gedacht habe. Und kaum habe ich den akzeptiert, versuchen Sie, mich zu einer anderen Person zu machen, mir meine Arbeit zu nehmen, alles das, was mich glücklich macht, was mich ausfüllt! Ich habe nie mehr von Ihnen verlangt, als mir zuzugestehen, meinen Weg in der Kunst einfach weiter zu versuchen, genauso wie Sie es auch getan haben! Aber das konnten Sie nicht zulassen. Dabei hätten gerade Sie mich doch verstehen müssen, Sie, als Maler, als Künstler. Sie hätten begreifen müssen, was mir das alles bedeutet. Stattdessen wollten Sie mir das nehmen, was einen großen Teil von mir ausmacht, also, wer kann da von Zuneigung reden?“

Er betrachtete sie ungerührt und zuckte die Achseln. „Natürlich, es ist leicht, es im Nachhinein auf diese Weise darzustellen. Aber eigentlich sind Ihre Gründe für mich gar nicht mehr wichtig. Was mich hierher getrieben hat, war die reine Neugier.“

„Und die konnten Sie inzwischen befriedigen?“

„Wie man’s nimmt. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, von welcher Seite Sie nun ihre... Protektion... erhalten. Und das, wie schon gesagt, ohne die längerfristige Verpflichtung einer Ehe. Aber das muss man ja auch nicht, wenn man seine Karten richtig ausspielt. Schließlich sind Sie ja trotz allem -“ er wies mit einer lässigen Geste in Richtung ihrer Beine, „- nicht ganz ohne körperliche Reize. Wenn die Gerüchte stimmen, scheint es da sogar gleich mehrere Kandidaten zu geben. Ihr Lehrer ist nur einer davon, richtig? Er ist schon etwas älter, natürlich, aber was soll’s – wenn es Ihnen zu dem verhilft, was Sie wollen?“

„Sie glauben das alles wirklich, oder?“ Alena war fassungslos.

„Ach, wissen Sie, was ich glaube, dürfte in diesem Fall wohl keine besondere Rolle spielen. Und keine Sorge, ich behalte unser kleines Geheimnis für mich, und in ein paar Tagen bin ich wieder auf und davon.“

Er wandte sich zum Gehen, aber da war Alena mit ihrer Geduld am Ende. „Einen Moment noch!“ Ihre Stimme hatte einen stählernen Unterton, und er genügte, um Hartwig in seiner Bewegung aufzuhalten.

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihm direkt ins Gesicht. „Sie unterstellen mir da eine ganze Menge – aber bitte, mit so etwas muss jemand wie ich wohl rechnen. Nur, bevor Sie gehen, werden Sie sich jetzt noch meine Sicht der Dinge anhören.“ Ihre Stimme war nicht laut, aber schneidend, als sie fortfuhr: „So wie ich die Sache sehe, spricht hier ein Mann, dessen Stolz es seinerzeit einfach nicht zulassen wollte, seine Braut zu unterstützen und Gefahr dabei zu laufen, sich zu blamieren, falls sie es nicht schaffen sollte. Oder, vielleicht noch schlimmer, eine Frau neben sich zu haben, die ihm möglicherweise ebenbürtig sein könnte. Ist es nicht so? Ihnen ging es nicht um meine Zuneigung – Ihnen ging es allein um Ihre Angst, mich vielleicht nicht klein genug halten zu können. Ob Sie es glauben oder nicht – Berechnung war damals bei meiner Entscheidung ganz bestimmt nicht dabei. Aber spätestens seit heute weiß ich, dass ich mich damals richtig entschieden habe!“

Sie behielt das letzte Wort, denn Hartwig taxierte sie noch einen Moment, bevor er ohne jeden weiteren Kommentar das Zimmer verließ. Sie sah ihm nach, eine Hand zur Faust verkrampft.

Was er da zu ihr gesagt hatte, hatte Zweifel in ihr hinterlassen, das konnte sie nicht ignorieren. Sie war immer wieder von genau den richtigen Leuten – hauptsächlich Männern – unterstützt worden. War sie denn wirklich jemand, der andere dermaßen manipulierte? Oder von ihnen manipuliert wurde? Und war es denn -…

„Also, das war – einfach großartig!“

Alena fuhr herum. „Philipp! Wo kommen Sie denn plötzlich her?“

Er deutete vielsagend hinter sich. „Da hinter den Palmen steht noch ein Sofa, wie Sie wissen. Übrigens in Hörweite, es ließ sich also nicht verhindern, dass ich Ihren Auftritt aus nächster Nähe mitbekommen habe.

„So. Na, dann wissen Sie ja jetzt Bescheid.“

„Hm. Sagen wir, ich habe einen vagen Eindruck von Ihrer Beziehung bekommen. Sie haben ihm jedenfalls gutes Contra gegeben. Aber, unabhängig davon... Sie nehmen sich das hoffentlich nicht doch irgendwie zu Herzen, was er da über Sie gesagt hat?“

„Heißt das, Sie halten mich nicht für berechnend?“

Philipp trat einen Schritt näher und zuckte die Achseln. „Ich habe schon berechnende Frauen kennen gelernt. Aber Sie gehören nicht dazu.“

„Danke, dass Sie das wenigstens so sehen. Trotzdem. Ich würde es Hartwig gegenüber nie zugeben, aber ich kann verstehen, wie er auf diese Gedanken kommt. Ich meine, von Anfang an, seitdem ich hier in der Stadt bin, ist alles doch ziemlich glatt für mich gelaufen! Alle Welt hat mir geholfen, allen voran Sie selbst und Morelle.“

„Was ist falsch daran, Hilfe anzunehmen?“

„Tja – aber was hatte ich jemals als Gegenleistung dafür anzubieten? Oder sollen das alles vielleicht vollkommen selbstlose Wohltätigkeiten gewesen sein?“

Philipp schüttelte leicht den Kopf. In solch einer Stimmung hatte er sie noch nie erlebt. „Was heißt denn hier Gegenleistung?“ Aber da sie nun mal allen Ernstes diese Frage gestellt hatte, deutete er auf das Sofa. „Für so ein Gespräch sollte man sich setzen, meinen Sie nicht?“

Sie nickte zustimmend, und er führte sie zu dem Platz hinter den Palmen. Wenigstens versuchte sie nicht wieder, ihm auszuweichen, dachte er, während er wartete, bis sie bequem saß und dann sicherheitshalber darauf achtete, dass er selbst nicht zu nahe an sie heranrückte. „Fragen Sie doch einfach mal unseren Gastgeber“, meinte er dann. „Wissen Sie, was er Ihnen sagen wird? Dass Sie ihm geholfen haben, ein neuer Mensch zu werden! Glauben Sie mir, ich kenne ihn schon eine Weile länger als Sie, und er ist tatsächlich ein Anderer, seit er Sie unterrichtet und sich wieder wie ein Künstler fühlen kann, statt sein früheres Leben zu verleugnen. Kein Wunder, durch Sie ist er mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine gekommen! Mal ganz davon abgesehen, dass er mit Ihnen schon ein paar gute Geschäfte gemacht hat, also profitiert er auch noch finanziell von Ihnen.“

Es blieb eine Weile still, während Alena verarbeitete, was Philipp da gerade gesagt hatte. Seltsam - von dieser Warte aus hatte sie das bisher noch nie betrachtet. Aber es tat schon gut, es in diesem Licht zu sehen.

„Und was ist mit Ihnen?“ fragte sie endlich.

„Was soll mit mir sein?“ Als sie nicht antwortete, seufzte er. „Alena, so etwas nennt man Freundschaft. Darüber haben wir doch schon das eine oder andere Mal gesprochen, oder nicht? Freundschaft für Ihren Bruder, für Ihre Familie. Freundschaft für Sie.“

„So. Freundschaft.“ Sie verschränkte erneut die Arme vor der Brust und holte tief Luft. „Und was war das dann vergangene Nacht? Freundschaft?“

Er starrte sie an. „Nein -“ sagte er langsam, und dann stockte er, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Moment mal. Worauf genau wollen Sie da hinaus?“

Das war eine gute Frage, musste Alena zugeben. Das Problem war nur, dass sie Schwierigkeiten hatte, darauf eine passende Antwort zu formulieren.

Aber Philipp, dem die Pause offenbar zu lange dauerte, redete schon weiter. „Es kann doch wohl nicht sein“, sagte er mit einem insgesamt ziemlich unerfreulichen Unterton in der Stimme, „dass Sie von mir glauben, ich hätte versucht, eine... eine Gegenleistung von Ihnen einzufordern?“

Er stand auf, und sie war von der plötzlichen Wendung der Unterhaltung dermaßen überrumpelt, dass sie einmal mehr nicht sofort etwas zu erwidern hatte. Dafür war es Philipp, der etwas sagte, und zwar mit nur mühsam beherrschter Stimme.

„Alena, man muss Ihnen zugute halten, dass Sie möglicherweise noch etwas durcheinander sind, aber... ich würde es wirklich für eine schlechte Idee halten, dieses Gespräch jetzt noch weiter fortzusetzen.“

Und damit verließ er den Raum, und Alena blieb mit dem Gefühl zurück, dass hier gerade etwas furchtbar falsch gelaufen war!

(...)

Susanne Wagner | susawagner(at)gmx.de