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Sechs Nullen, eine Eins

(Tagebuch-Roman einer Neureichen...)

3. März

Es ist jetzt ziemlich genau ein Uhr nachts, und ich habe mir gerade zum ersten Mal allein die Videoaufzeichnung vom „Millionenspiel“ angeschaut. Ja, das stimmt tatsächlich, ich habe sie in den ganzen Tagen vorher nicht gesehen, wenn man von der Fernsehausstrahlung selbst absieht. Da saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer und haben noch mal genüsslich jeden einzelnen kritischen Moment der Show durchgekaut.

„Mensch, Nina, da siehst du echt aus, als würdest du jeden Moment das Handtuch schmeißen!“

„Ich hätte das nervlich nicht durchgehalten!“

„Was hat die Visagistin da eigentlich mit deinem Gesicht angestellt?“

„Also ich hätte ja nach der Show zumindest mal VERSUCHT, den Moderator anzubaggern!“

„Tut sie doch, oder wie nennst du das da?“

„Na, sie fällt ihm vor versammeltem Publikum um den Hals! Würdest du auch, wenn du gerade eine Million gewonnen hättest.“

„In diesem Sinne: Prost, Mädels!“

Ich spule die Stelle noch mal zurück und sehe sie mir an. Ja! Ich hänge da tatsächlich am Hals von Deutschlands vermutlich bestbezahlten Fernsehmoderator und kriege mich überhaupt nicht mehr ein. (Süß ist er ja schon irgendwie, der Junge, aber das ist eine ganz andere Baustelle...)

Und hier habe ich die gesammelten Zeitungsausschnitte, einer davon zeigt mich in Großaufnahme mitten in meinem Gefühlsausbruch – und ich muss leider bestätigen, dass Frauen beim Heulen selten attraktiv aussehen, selbst wenn es Freudentränen sind.

Wie vermutlich alle anderen Kandidaten auch habe ich vorher große Diskussionen geführt im Sinne von: „Was mache ich, wenn ich wirklich die Million gewinne?“ Bei mir sah das ungefähr so aus:

  1. weiter arbeiten, mich endlich als Teilhaberin einkaufen
  2. die restlichen Raten für mein Auto bezahlen
  3. den Dispokredit ausgleichen
  4. einen Teil verschenken/spenden
  5. Altersvorsorge
  6. ein Trip nach Paris
  7. einen Skikurs machen
  8. neues Foto-Equipment
  9. ein bisschen Spaß haben, ABER...
  10. ...nicht abdrehen, die Nerven behalten

Und jetzt?

Jetzt habe ich hier vor mir einen Kontoauszug, der ist erst ein paar Tage alt, und darauf steht ein Zugang von einer Million Euro! Das bedeutet, vor dem Komma stehen sechs Nullen und davor noch eine Eins! UNGLAUBLICH!

Ich glaube, ich bin noch immer nicht richtig zu mir gekommen!

Wie hat meine Mitbewohnerin Carmen das doch so treffend ausgedrückt: „Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten!“

Na ja, vielleicht ist das ein bisschen übertrieben formuliert – aber immerhin!

 

* * * 

 

Wie die Geschichte weitergeht... das liest man in Kürze in der neuen Publikation von www.verlag-susas-lounge.de

Susanne Wagner | susawagner(at)gmx.de